Gesellschaft für Bibliodrama

Antje Kiehn +

von Wolfgang Teichert

Ein „Ach“ steht auf der Traueranzeige von Antje Kiehn. Dann kommen einige Punkte, wie eine Pause, …um dann mit den Worten fortzufahren: „gleich kommt sie die Treppe runter viel Sonne, viel Licht.. “Ich füge hinzu, -diese Szene genau vor Augen – viel Sonne, viel Licht und ein unendlich schöner Duft, weil sie gerade aus der von ihr so geliebten Badewanne gekommen ist.  Assuré übrigens hieß das Parfum, „selbstsicher“.
Treppe, Sonne, Licht, Duft: Das sind  einfache Bilder, die dem Schmerz einfallen und der Tatsache, dass eben diese Sonne, dies Licht, dieser Duft  wohl noch haften geblieben, aber eben nicht mehr getragen ist und erneuert von einem lebendigen Menschen. Antje Kiehn ist Bibliodramatikerin der ersten Stunde. Mit unendlicher Vitalität mischte sie, vom Psychodrama (Grete Leutz) herkommend, die zunächst etwas kirchenfrommen ersten Dramaversuche auf. Unorthodox, keine Berührung scheuend mit Mythos, Märchen oder Gedicht. Bald entdeckte sie, dass es Momente im Bibliodrama gibt, die sie die „großen Augenblicke“ (so ihr Aufsatztitel im ersten Bibliodramabuch von 1987) genannt hat. Sie scheute sich nicht, solche Augenblicke „Transzendenzerfahrungen“ zu nennen; übriggens in der Tradition von Karlfried Graf Dürkheim („Der Mensch ist himmlischen und irdischen Ursprung“s). Sie hatte Dürkheim bereits in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Rütte (Schwarzwald) aufgesucht, um dann später mit dessen Mitarbeiterin Maria Hippius in ihrem eigenen Wohnhaus das „Wentorfer Forum“ zu gründen, ein Treffpunkt, an dem von Horst Eberhard Richter, Fulbert Steffensky, Dorothee Sölle, Helmut Barz bis hin zu Marcel Martin sich getroffen hat, wer sich zum Umfeld eben auch bibliodramatischer Zugänge angeboten hat.
Ihr Wahlspruch (mit Teerstegen) „ein begriffener Gott ist kein Gott“ ließ sie aufmerksam bleiben für die so wichtige und doch so wenig beachtete völlige Ereignisoffenheit bibliodramatischen Arbeitens.
Von ihrer Sylter Herkunft her ist Antje niemals kirchenfromm gewesen, obwohl sie – spät  -in eben dieser Kirche getauft worden ist, als Erwachsene, als eine Liebende. Sie hatte nämlich Menschen  und mit ihnen Seiten entdeckt und Zugangsmöglichkeiten zur christlichen Tradition, die sie zu diesem Schritt gedrängt hatten.
Für sie war entscheidend, wem traue ich im Bibliodrama und wie „echt“ ist das, was passiert: „Sich einem Text anzuvertrauen“, hat sie geschrieben, „erfordert Mut, Hingabe und Demut, aber auch Wachsamkeit. Man weiß nicht, wohin es einen  verschlägt, in die „Illusion“ taucht die uralte menschliche Angst vor dem Fremden, ganz anderem auf, auch die Angst vor der Verführung zur Täuschung, dem Irrtum.  Woher kann ich die Sicherheit nehmen, dass  das, was mich drüben erwartet, etwas „Gutes“, mich Aufnehmendes ist und nicht etwas mich ungeheuer Bedrohendes und Zerstörendes.  Wem vertraue ich…“.
Sie ist am 26.Mai an den Folgen eines Aneurysmas plötzlich und zugleich sanft gestorben.