Gesellschaft für Bibliodrama

Katholischer Kirchentag Münster 2018

Berichte von Beteiligten

Nach einer eindrücklichen Eröffnungsveranstaltung mit einer beeindruckenden Rede des Bundespräsidenten, aber auch des Präsidenten des Katholikentages bei herrlichem Sonnenschein nähere ich mich bei Nieselregen am zweiten Veranstaltungstag dem Veranstaltungsort, einem Gymnasium in der Innenstadt. Zunächst noch leer, bereiten wir den Klassensaal vor. Gezielt durchstreifen zunehmend mehr Menschen die Flure. Sie haben klare Vorstellungen, wohin sie wollen. Und: auch unser Raum füllt sich zügig. Zwei Katholiken haben gehört, dass zwei evangelische Theologen da aktiv sind. Ob das nicht zu verkröpft wird - fragen sie vorsichtig. Nein, wird es nicht. Schließlich geht es los, zügig, mit Körperarbeit und singen. Sodann erarbeiten wir uns die Hirten auf dem Felde. Schließlich das Zeichen, das Kind in der Krippe. Wir ordnen uns ein nach Lesungen: wo stehen wir im Text, heute. Mit nahe Stehenden tauschen wir aus. Und, so vorbereitet beginnt das große Spiel der ganzen Weihnachtserzählung nach Lukas. Es ist intensiv. Es beinhaltet auch den Disput mit manchen Hirten, dass sich ihre Situation doch gar nicht geändert habe. Aber es gibt eine tiefe Dankbarkeit, so geliebt und beschenkt zu sein. Das gibt inneren Frieden. Und Engagement bei den Menschen seines Wohlgefallens. Schließlich die Auswertung und die Frage, wo wir das Licht, den Glanz Gottes und den Frieden gespürt haben. Und immer wieder: wir singen: Ehre sei Gott in der Höhe , Friede auf Erden! Am Ende ein ganz guter mehrstimmig Chor. Alles in allem: eine Weihnachtserfahrung mitten im Nieselregen eines Katholikentages in Münster. Und: dass wir evangelisch waren, spielte überhaupt keine Rolle mehr!

Albert Henz, Iserlohn

II
In 25 Jahren als Montessori-Pädagogin habe ich in der Arbeit mit jungen Kindern und ihren Familien das „phänomenologische Schauen und Erleben“ geübt: Wach und gegenwärtig sein, beobachten, spüren und ohne Wertung beschreiben was sich zeigt und entwickelt. Unterstützt durch eine erfahrene Bibliodramaleiterin konnte ich diese Haltung weiter ausbilden, ihren Wert immer besser verstehen und gegen andere pädagogische Richtungen verteidigen. Erste Erfahrungen mit dem Psycho- und Bibliodrama konnte ich in von ihr und anderen erfahrenen Menschen geleiteten Gruppen sammeln. Das Erlebte beeindruckte mich nachhaltig und machte mich neugierig auf mehr davon.
So zogen mich zum Katholikentag in Münster auch besonders die Angebote der Gesellschaft für Bibliodrama an. Etwas skeptisch war ich, ob es in der kurzen Zeit (1,5 Stunden) in einem engen Klassenraum gelingen kann, mit ca. 25 Teilnehmenden etwas „auf die Bühne zu bringen“. Was ich dann erleben durfte, war außergewöhnlich.
Der Bibliodramaleiter Holger Dörnemann erklärte kurz die Arbeit mit dem Leibraum und sprach vom Schaffen eines sakralen Raumes, in den wir eintreten könnten und in dem spirituelle Erfahrungen möglich würden. Nur zwei Utensilien hatte er dazu mitgebracht: Eine Schnur, um den besonderen vom gewöhnlichen Raum zu trennen und eine Klangschale, um Beginn und Ende der spirituellen Zeit zu bestimmen.
„Friede sei mit Euch“ war der Titel des Workshops und „Die Aussendung der zwölf Jünger“ (Matthäus 10) war die ausgesuchte Bibelstelle. Zur Vorbereitung machten wir einige Übungen, um uns selbst und die Anderen wahrzunehmen und uns zu begegnen, ohne die Grenze des Anderen zu verletzen: Gehen im Raum im eigenen Tempo, den Anderen „aus den Augenwinkeln“ wahrnehmen; stehen bleiben und mit geschlossenen Augen zum Gruß „Der Friede sei mit Dir“ eine Geste überlegen und ausprobieren; Augen öffnen, weitergehen und die, die ich treffe, mit der Geste begrüßen. Sehr unterschiedliche Gesten kamen zusammen und vorsichtig spürten wir, wieviel Nähe jeweils zugelassen werden konnte. Ein Teilnehmer stellte fest, dass er gerne eine Umarmung gegeben hätte, die aber nicht möglich war. Sein Bedürfnis entspräche im Moment wohl nicht den Wünschen der Anderen.
In einer kurzen Vorstellungsrunde ergriff jeder Einzelne das Wort. Sprachfähig werden und etwas „ins Wort bringen“ sei etwas Wesentliches im Bibliodrama, so der Leiter. Er las die Bibelstelle einmal vor und fragte, ob sie ein zweites Mal gelesen werden könnte. Eine Teilnehmerin tat dies. Dann legte er vorbereitete Bibelstellen auf dem Boden aus. „Was spricht Dich an?“ „Was löst etwas aus in Dir?“ „Wo zieht es Dich hin?“ Zu diesen Fragen gruppierten wir uns um die Textauszüge herum und kamen miteinander über die Gründe für die Auswahl ins Gespräch. Bezüge zu familiären oder beruflichen Themen wurden hergestellt. Zum Teil wurden sehr persönliche Dinge in der kleinen Gruppe ausgesprochen.
Der Leiter teilte dann den Klassenraum mit Hilfe der Schnur in zwei Teile. Eine Bühne und ein Zuschauerraum entstanden. Die Hälfte des Stuhlkreises wurde als 2. Reihe in den Halbkreis der Zuschauerseite gestellt. Dann sammelten wir mögliche Rollen, die im Bibliodrama vorkommen könnten. Personen aus der Geschichte („der Kranke“, der „Heiler“) aber auch Dinge wie „das Haus“ und Begriffe wie „der Wert“, „die Arbeit“, „das Vertrauen“ und zusätzliche Personen wie „der Zweifler“ wurden genannt. Alle Begriffe wurden auf einzelne Karten geschrieben und an der Schnur entlang gelegt. Es waren am Ende mehr mögliche Rollen als Teilnehmende. Dann konnten wir eine Rolle aussuchen. Etwa 10 Teilnehmende entschieden sich für eine Rolle, die anderen waren Zuschauer. „Wer seine Rolle gefunden hat und klar weiß, wo er steht, beginnt“ war die Aufforderung des Leiters. Das Überschreiten der Grenzlinie war für mich tatsächlich wie ein Schritt in eine andere Wirklichkeit. Ein kurzes Gespräch folgte: „Wer bist Du?“ „Das Haus.“ „Warum stehst Du hier?“ „Keine Ahnung.“ „Was ist in Dir?“ „Raum“… Alle Spieler wurden in der Art vom Leiter ins Spiel gebracht. Bevor es begann, überlegte sich jeder und jede eine Geste zur Rolle. Durch Anschlagen der Klangschale wurde das Spiel eröffnet. Die Handlung entstand dann „wie von selbst“. Die Akteure kamen miteinander ins Gespräch und reagierten aufeinander. Es entwickelte sich eine sehr dynamische Geschichte, in die der Leiter gar nicht mehr eingriff.
Als Mit-Spielerin vergaß ich Raum und Zeit. Ich ging ganz in meiner Rolle auf und war mit meiner vollen Aufmerksamkeit auf das Geschehen konzentriert. Die Worte fielen mir ganz intuitiv ein und ich konnte sie klar und deutlich äußern. Ich war selbst überrascht, was da zum Vorschein kam.
Die Spielzeit schätze ich auf ca. 15 – 20 Minuten. Der Leiter beendete sie durch Anschlagen der Klangschale. Er bat uns, ganz bewusst wieder aus der Rolle herauszugehen und die Grenzlinie zu überschreiten.
Erst erzählten alle Schauspieler, dann einige Zuschauer kurz, wie sie das Drama erlebt hatten. Interessant für mich war vor allem die Sicht der Zuschauer, die einen besseren Gesamtüberblick über die Handlung hatten und auch intensiv bei der Sache waren.
Mich beeindruckte, wie wenig Steuerung von außen nötig war. In anderen Workshops ist mir aufgefallen, dass ich ein Eingreifen schnell als Manipulation oder Einschränkung erlebe und dann in einen Widerstand gehe. Der Leiter schaffte den Rahmen, gab einen Anfangsimpuls und hielt sich dann zurück. Er ließ das Drama passieren und hätte nur dann (wahrscheinlich durch offene Fragen) eingegriffen, wenn die Aktion oder Kommunikation ins Stocken geraten wäre. So waren der Verlauf und der Ausgang des Spiels völlig frei.
Zum Abschluss verabschiedeten sich die Teilnehmenden im Tanz zum Kanon von Johann Pachelbel in zwei gegenläufigen Kreisen mit ihrer Friedensgeste voneinander. Ein sehr schöner Ausklang…
Mein Fazit: Durch die Konzentration auf das Wesentliche, die klare Strukturierung des Ablaufs, die sensible und zurückhaltende Führung durch den Leiter und die Bereitschaft aller, sich auf das Abenteuer der „Grenzüberschreitung“ einzulassen wurde es möglich, in der kurzen Zeit wunderbare, spirituelle Erfahrungen zu machen. Ich sage herzlich Danke an alle, die das mit viel Herzblut vorbereitet und realisiert haben!

Bernadett Peters
Leiterin eines Montessori-Kinderhauses und Familienzentrums in Rüthen

V
Suche den Frieden - eine bibliodramatische Arbeit zum Magnificat

Der von mir geleitete Workshop am Samstag, dem 12. Mai  dauerte - wie im Programm vorgesehen - 90 Minuten und war dem Thema der Friedenssuche auf der Grundlage des Magnificat gewidmet.
Die Teilnehmenden kamen ziemlich erschöpft in den Klassenraum der     - Schule an, Wasser und Kaffee waren die Getränke, die den meisten halfen, wieder wach und fit zu werden. Das Wetter in Münster war sehr schön, aber durch die für Anfang Mai ungewohnte Wärme zugleich anstrengend. Eine vibrierende Unruhe war für mich im Vorfeld des Workshops spürbar, so dass ich mich entschied, zu Beginn des Workshops eine kleine Meditationsübung zu Einstimmung anzuleiten. Mit geschlossenen Augen sollten die Teilnehmenden noch einmal den Weg gehen, den sie an diesem Tag zurückgelegt hatten bis zum Weg in diesen Klassenraum.  In Gedanken - und wenn möglich in einer Visualisierung- sollten sie ihren Begegnungen nachspüren, ihre nicht erfüllten Wünsche zurücklassen  und erst danach die Augen öffnen,  um hier in diesem Tagungsraum, einem Klassenzimmer anzukommen. Im Klassenraum hingen noch Plakate mit spanischen Texten und Reisezielen, so dass sich die Teilnehmenden bewusst oder auch unbewusst schon beim Betreten des Raumes auf eine Reise begeben konnten.
Die Überschriften im Programmheft des Katholikentages waren im Blick auf die biblischen Texte der jeweiligen Bibliodramaworkshops sehr frei definiert, so dass ich zunächst schon vor Beginn alle Teilnehmenden darauf hingewiesen habe, dass es in meinem bzw. unserem Workshop um die biblische Grundlage des Magnificat gehen würde und erst in einem reflexivem Weg möglicherweise zu der Überschrift: Barmherzigkeit weist den Weg. Diese Überschrift im Programmheft wäre möglicherweise ein Ergebnis des Workshops, aber nicht seine Vor-aus- setzung.
Eine Teilnehmerin konnte sich nur schwer entscheiden, ob sie bleiben oder gehen wollte, denn nach einer Stunde hatte sie sich noch eine Veranstaltung aus dem überreichen Programmheft ausgesucht. Sie entschied sich dann doch dafür zu gehen.
Nach vorbereitenden Körperübungen der Eigen- und Fremdwahrnehmung wie Gehen, Laufen, den Nachbarn ansehen und wahrnehmen,  dem Nachspüren einer Adorantenhaltung und ihrer Polarität, dem gekrümmten Gehen, wurde das Magnificat verlesen: Das Magnificat (Lk 1,46b-55)

Meine Seele preist die Größe des Herrn, / und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. / Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. / Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. / Denn der Mächtige hat Großes an mir getan und sein Name ist heilig. / Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten. / Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: / Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; / er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. / Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen. / Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, / das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.
Beim zweiten Vorlesen habe ich die Hörer_innen gebeten darauf zu achten, ob sie bei einem Wort des Magnificats sozusagen „hängen“ bleiben würden. Nach der Verlesung des Magnificat habe ich einige Verben und Nomen aus dem Textus, dem Wortgewebe des Magnificat,  auf dem Boden ausgelegt, so dass sich die Teilnehmenden aus diesen Worten ein Wort auswählen konnten. Ich habe dazu vorgeschlagen, auf das Wort zu achten, das bei ihnen möglicherweise eine Resonanz, eine innere Bewegung ausgelöst hat. Jeder Teilnehmer_in nahm sich ein Wort aus dem Gewebe des Textes und in der nun entstandenen Stille entstanden Bilder, die sehr unterschiedlich waren in Form und Farbe, die aber mit wahrnehmbarer Konzentration gemalt wurden.
Nachdem alle Teilnehmenden ein Bild gefertigt hatten, habe ich darum gebeten, dass sie einander die Bilder vorstellen und nach der Vorstellung mit einem Mitteilnehmer ins Gespräch kommen sollten zur Vorbereitung einer gemeinsamen Darstellung auf der improvisierten Bühne. Da die meisten Teilnehmenden „Bibliodramaerfahren“ waren, war dieser Schritt entgegen meiner Vorerwartung sehr leicht für die Teilnehmer_innen.

Viele Gegensätze wurde von je zwei Darsteller_innen gezeigt. Aus der Fülle der Darstellung nur zwei kleine Beispiele:
Das kleine Sandkorn und die große Macht; der eng zusammengekauerte Darsteller und die Mitspielerin, die in einer hoheitsvoll anmutenden Geste auf das kleine Sandkorn schaute; zwei andere, die einander halfen, zur Geste der Anbetung aus der Tiefe der körperlichen Beugung zu kommen.

In einer Auswertungsrunde zur Frage: Wie habe ich meinen/unseren Auftritt auf der Bühne erlebt? wurde sehr oft  erwähnt, dass das eigene „Lampenfieber“plötzlich auftauchte. Dies war für die meisten sehr erstaunlich, da sie Lampenfieber in ihrem jetzigen erwachsenen Leben schon lange nicht mehr wahrgenommen hatten. Und spannend wurde es, als der Teilnehmer, der ein Sandkorn darstellte sagt: Ich habe mich sehr stark gefühlt! Wir kleinen Sandkörner sind zusammen eine große Macht!
Eine zweite Auswertungsrunde mit der Frage nach der Resonanz der Teilnehmenden auf die auf der Bühne gezeigten kurzen Darstellungen konnte nur kurz angerissen werden, blieb aber im Angesicht der kurzen Zeitvorgabe von 90 Minuten unvollständig. Mit einem kurzen Feed-Back musste ich den Workshop schließen, denn um 18.05 Uhr wurde über den Lautsprecher klar und rigide um das Verlassen der Schule gebeten.

Ein Fazit:
Auch mit der sehr knappen Zeitvorgabe von 90 Minuten wurde nach Einschätzung einiger Teilnehmer, die sich von den rigiden Durchsagen nicht verschrecken ließen, eine für sie gelungene Annäherung an ihre Frage: Was ist eigentlich Bibliodrama? erreicht.
In einer hermeneutischen Spirale wurde das Magnificat aufgenommen. Durch ein vorsichtiges Wahrnehmen, sich öffnen und identifizieren mit einem Wort wurden bei den Teilnehmenden innere Vorgänge, Vorstellungen und Gefühle ausgelöst, die dargestellt wurden und wiederum bei den Zusehenden und Zuhörenden ihrerseits Resonanzen und oder auch Widerstände auslösten.
Das Magnificat insgesamt ist nicht nur eine Ansage des Friedens, sondern in seinem Schattengehalt eine Ansage des Unfriedens für diejenigen, die auf der Seite der Macht sitzen oder stehen.  „Er stürzt die Mächtigen von ihrem Thron...“. Wie sehr sich die Mächtigen gegen den Sturz von ihrem „Thron“ wehren, können wir am Beispiel Syriens sehen und auch bei anderen Konflikten in vielen Ländern der Welt. Die Mächtigen würden eine Reihe von Privilegien verlieren, ihr Geld, das in der Regel in der Schweiz oder in Panama geparkt ist und vieles mehr....
Das Magnificat bietet eine Vision eines Friedens, des Shalom, der ganz in der Linie des alttestamentlichen Friedensdenkens und -handelns steht: Gott steht auf der Seite der Schwachen und verhilft ihnen zu ihrem Recht, auch dort, wo zumindest im Sprachhandeln aus dem Unrecht schon Recht wird. Es ist kein römisches Rechtsverständnis, das im Magnificat vorliegt, sondern ein hebräisch- jüdisches Verständnis, dass Gott den Erniedrigten und Ausgestoßenen Recht verschafft und ihnen ihre  Würde und ihren eigenen Wert wieder zuspricht.  Die Reichen werden als diejenigen beschrieben, die leer ausgehen, auch wenn dies gegen den Augenschein zu sein scheint.

III
Bisher habe ich Bibliodrama nur auf evangelischen Kirchentagen kennengelernt, zuletzt in Berlin. Da nun der Katholikentag in Münster direkt vor meiner Haustür stattfand, hatte ich Lust, dort einige Veranstaltungen zu besuchen und natürlich auch an Bibliodrama teilzunehmen. Mir gefällt diese Zugangsweise zu Bibeltexten und ich bin immer wieder über die psychodynamischen Zusammenhänge erstaunt, die sich so ganz „nebenbei“ im Bibliodrama zeigen.  
Im Programmheft war ich verwundert zu lesen, daß für die Bibliodramaveranstaltungen 90 min eingeplant waren. Bisher kannte ich nur Veranstaltungen mit längerer Dauer, meist ca. 3 h mit Pause.  
So stellte sich für mich vorab die Frage: Gelingt es in dieser kurzen Zeit soviel Nähe der Teilnehmer herzustellen, damit diese Bibliodrama auch in seiner mehrdimensionalen Wirkung erleben können?

In Münster habe ich an 2 Bibliodramaveranstaltungen teilgenommen, die von den Bibliodramaleitern sehr unterschiedlich gestaltet wurden.

In einer Bibliodramasitzung bemerkte ich den Zeitdruck der Leitung, die sehr viele Impulse in die kurze zur Verfügung stehende Zeit einbrachte, so daß auch ich als Teilnehmer diesen Zeitdruck spürte und nur versuchte, die vorgegebenen Aufgaben irgendwie zu erfüllen. Ich fühlte mich durch den Bibeltext gehetzt ohne Zeit für das eigene Innenhalten und Nachspüren der Inhalte zu haben, von möglichen Zusammenhängen, die meine Person betrafen, ganz zu schweigen.  Vieles wurde vorgegeben, so daß die Teilnehmer kaum Eigenes einbringen konnten. Die einzige freie Gestaltung war eine Kleingruppenskulptur. Das Bibliodramaleitungsteam hatte sich sehr viel Mühe mit der Vorbereitung gemacht und viele Gedanken und Ideen für uns Teilnehmer zusammengestellt. Obwohl ich beschenkt nach Hause ging,  hatte ich am Ende kaum Zugang zum Bibeltext bekommen. Ich denke, mit doppeltem Zeitkontingent ohne Änderung des Konzeptes, wäre das bei dieser Bibliodrama - Sitzung möglich gewesen.

Meine zweite Bibliodramasitzung verlief ganz anders. Nach kurzer Einführung  in die Methode Bibliodrama, Kennenlernen der Teilnehmer und einer „Anwärmübung“ ging es los mit dem Bibeltext. Nach 2-maligem Vorlesen stellten sich die Teilnehmer zu einer Textzeile und tauschten sich untereinander aus. Der Bibliodramaleiter hatte als einziges Material Moderationskarten, Eddingstift und ein Seil dabei. Nun wurden diverse Begriffe aufgeschrieben, die den Teilnehmern zum Bibeltext einfielen und mithilfe des Seils wurde eine Bühne hergestellt. Jeder der wollte, konnte sich nun einen Begriff wählen und seinen Platz mit passender Haltung auf der Bühne suchen. Die Darsteller wurden per Interview befragt. Einige Teilnehmer blieben bewußt als Zuschauer außerhalb der Bühne. Dann wurde der Bibeltext frei durch die Teilnehmer gespielt und mit Leben gefüllt. Nach Beendigung hatten alle Teilnehmer als auch die Zuschauer Gelegenheit, ihre Eindrücke, Gedanken, Gefühle zum Erlebten der Gruppe mitzuteilen und sich darüber auszutauschen. Es war sogar noch Zeit für einen gemeinsamen Abschluß und das alles in nur 90 min.
Noch jetzt klingt dieses Bibliodrama in mir nach, angefangen von meinem gewählten Wort über das Spiel hin bis zum Nachgespräch mit den Beobachtungen und Impulsen der Teilnehmer. Ich habe nicht nur gespielt, ich war mit meiner ganzen Person im Spiel beteiligt. Es haben sich Verhaltensweisen von mir als auch meine aktuellen Themen abgebildet.  Dieser Bibeltext war für mich durch Bibliodrama im Hier und Heute angekommen.

Mein Ergebnis:
Bibliodrama in 90 Minuten ist möglich, auch hier gilt: Weniger ist Mehr!
Wichtig ist – Vertrauen in die Teilnehmer und sich selbst!
DrKS

IV
Wie gestaltet man ein Bibliodrama von 90 Minuten? Diese Frage stellte eine Herausforderung bei der Vorbereitung eines Bibliodrama-Workshops für den Katholikentag in Münster dar - in der Ausbildung hatten wir zwei bis vier volle Tage mit demselben Text gearbeitet! Die Wahl der Methoden wird dadurch gehörig eingeschränkt, und der Einstieg muss recht steil sein. Unser Text Sacharja 9, 9 – der Einzug des Friedenskönigs in Jerusalem – war auch nicht gerade der einfachste als Grundlage für ein Bibliodrama.

Die Durchführung war dagegen unproblematisch: Wir hatten eine Gruppe von angenehmer Größe mit interessierten Teilnehmer/inne/n, die zum großen Teil bereits Bibliodrama-Erfahrung hatten und engagiert bei der Sache waren. Das Vier-Ecken-Spiel, das wir aus Zeitgründen auf eine Runde begrenzen mussten und mit dem wir Merkmale des Messias herausarbeiteten, fand eine Teilnehmerin für sich sehr aufschlussreich. Eine vorbereitende Einzelarbeit zu den verschiedenen Dimensionen - Frieden zwischen den Menschen, Frieden mit sich selbst, Frieden mit Gott - führte zu aussagekräftigen Skulpturen, mit denen Kleingruppen ihr Verständnis von Frieden darstellten. Dabei kam auch zum Ausdruck, dass der Friede auf dieser Erde immer unzulänglich und unvollkommen bleibt und letztendlich von Gottes Zuwendung zum Einzelnen und zur Welt abhängig ist.
 
Nach einem Workshop im Vorjahr auf dem evangelischen Kirchentag in Berlin war dies unser erstes Bibliodrama auf einem Katholikentag. Abgesehen davon, dass auf dem Kirchentag im Bibliodramazentrum mehr Workshops parallel angeboten werden und alle am selben Tag denselben Text bearbeiten, waren für uns keine Unterschiede feststellbar – das Bibliodrama eröffnet also völlig unproblematisch Wege ins ökumenische Miteinander.
Claudia Brosch / Karin Weishaupt