Gesellschaft für Bibliodrama

Katholikentag in Münster

Berichte von Albert Henz und Berardett Peters

Albert Henz, Iserlohn

Nach einer eindrücklichen Eröffnungsveranstaltung mit einer beeindruckenden Rede des Bundespräsidenten, aber auch des Präsidenten des Katholikentages bei herrlichem Sonnenschein nähere ich mich bei Nieselregen am zweiten Veranstaltungstag dem Veranstaltungsort, einem Gymnasium in der Innenstadt. Zunächst noch leer, bereiten wir den Klassensaal vor. Gezielt durchstreifen zunehmend mehr Menschen die Flure. Sie haben klare Vorstellungen, wohin sie wollen. Und: auch unser Raum füllt sich zügig. Zwei Katholiken haben gehört, dass zwei evangelische Theologen da aktiv sind. Ob das nicht zu verkröpft wird - fragen sie vorsichtig. Nein, wird es nicht. Schließlich geht es los, zügig, mit Körperarbeit und singen. Sodann erarbeiten wir uns die Hirten auf dem Felde. Schließlich das Zeichen, das Kind in der Krippe. Wir ordnen uns ein nach Lesungen: wo stehen wir im Text, heute. Mit nahe Stehenden tauschen wir aus. Und, so vorbereitet beginnt das große Spiel der ganzen Weihnachtserzählung nach Lukas. Es ist intensiv. Es beinhaltet auch den Disput mit manchen Hirten, dass sich ihre Situation doch gar nicht geändert habe. Aber es gibt eine tiefe Dankbarkeit, so geliebt und beschenkt zu sein. Das gibt inneren Frieden. Und Engagement bei den Menschen seines Wohlgefallens. Schließlich die Auswertung und die Frage, wo wir das Licht, den Glanz Gottes und den Frieden gespürt haben. Und immer wieder: wir singen: Ehre sei Gott in der Höhe , Friede auf Erden! Am Ende ein ganz guter mehrstimmig Chor. Alles in allem: eine Weihnachtserfahrung mitten im Nieselregen eines Katholikentages in Münster. Und: dass wir evangelisch waren, spielte überhaupt keine Rolle mehr!
Albert Henz, Iserlohn


Bernadett Peters, Rüthen

In 25 Jahren als Montessori-Pädagogin habe ich in der Arbeit mit jungen Kindern und ihren Familien das „phänomenologische Schauen und Erleben“ geübt: Wach und gegenwärtig sein, beobachten, spüren und ohne Wertung beschreiben was sich zeigt und entwickelt. Unterstützt durch eine erfahrene Bibliodramaleiterin konnte ich diese Haltung weiter ausbilden, ihren Wert immer besser verstehen und gegen andere pädagogische Richtungen verteidigen. Erste Erfahrungen mit dem Psycho- und Bibliodrama konnte ich in von ihr und anderen erfahrenen Menschen geleiteten Gruppen sammeln. Das Erlebte beeindruckte mich nachhaltig und machte mich neugierig auf mehr davon.
So zogen mich zum Katholikentag in Münster auch besonders die Angebote der Gesellschaft für Bibliodrama an. Etwas skeptisch war ich, ob es in der kurzen Zeit (1,5 Stunden) in einem engen Klassenraum gelingen kann, mit ca. 25 Teilnehmenden etwas „auf die Bühne zu bringen“. Was ich dann erleben durfte, war außergewöhnlich.
Der Bibliodramaleiter Holger Dörnemann erklärte kurz die Arbeit mit dem Leibraum und sprach vom Schaffen eines sakralen Raumes, in den wir eintreten könnten und in dem spirituelle Erfahrungen möglich würden. Nur zwei Utensilien hatte er dazu mitgebracht: Eine Schnur, um den besonderen vom gewöhnlichen Raum zu trennen und eine Klangschale, um Beginn und Ende der spirituellen Zeit zu bestimmen.
„Friede sei mit Euch“ war der Titel des Workshops und „Die Aussendung der zwölf Jünger“ (Matthäus 10) war die ausgesuchte Bibelstelle. Zur Vorbereitung machten wir einige Übungen, um uns selbst und die Anderen wahrzunehmen und uns zu begegnen, ohne die Grenze des Anderen zu verletzen: Gehen im Raum im eigenen Tempo, den Anderen „aus den Augenwinkeln“ wahrnehmen; stehen bleiben und mit geschlossenen Augen zum Gruß „Der Friede sei mit Dir“ eine Geste überlegen und ausprobieren; Augen öffnen, weitergehen und die, die ich treffe, mit der Geste begrüßen. Sehr unterschiedliche Gesten kamen zusammen und vorsichtig spürten wir, wieviel Nähe jeweils zugelassen werden konnte. Ein Teilnehmer stellte fest, dass er gerne eine Umarmung gegeben hätte, die aber nicht möglich war. Sein Bedürfnis entspräche im Moment wohl nicht den Wünschen der Anderen.
In einer kurzen Vorstellungsrunde ergriff jeder Einzelne das Wort. Sprachfähig werden und etwas „ins Wort bringen“ sei etwas Wesentliches im Bibliodrama, so der Leiter. Er las die Bibelstelle einmal vor und fragte, ob sie ein zweites Mal gelesen werden könnte. Eine Teilnehmerin tat dies. Dann legte er vorbereitete Bibelstellen auf dem Boden aus. „Was spricht Dich an?“ „Was löst etwas aus in Dir?“ „Wo zieht es Dich hin?“ Zu diesen Fragen gruppierten wir uns um die Textauszüge herum und kamen miteinander über die Gründe für die Auswahl ins Gespräch. Bezüge zu familiären oder beruflichen Themen wurden hergestellt. Zum Teil wurden sehr persönliche Dinge in der kleinen Gruppe ausgesprochen.
Der Leiter teilte dann den Klassenraum mit Hilfe der Schnur in zwei Teile. Eine Bühne und ein Zuschauerraum entstanden. Die Hälfte des Stuhlkreises wurde als 2. Reihe in den Halbkreis der Zuschauerseite gestellt. Dann sammelten wir mögliche Rollen, die im Bibliodrama vorkommen könnten. Personen aus der Geschichte („der Kranke“, der „Heiler“) aber auch Dinge wie „das Haus“ und Begriffe wie „der Wert“, „die Arbeit“, „das Vertrauen“ und zusätzliche Personen wie „der Zweifler“ wurden genannt. Alle Begriffe wurden auf einzelne Karten geschrieben und an der Schnur entlang gelegt. Es waren am Ende mehr mögliche Rollen als Teilnehmende. Dann konnten wir eine Rolle aussuchen. Etwa 10 Teilnehmende entschieden sich für eine Rolle, die anderen waren Zuschauer. „Wer seine Rolle gefunden hat und klar weiß, wo er steht, beginnt“ war die Aufforderung des Leiters. Das Überschreiten der Grenzlinie war für mich tatsächlich wie ein Schritt in eine andere Wirklichkeit. Ein kurzes Gespräch folgte: „Wer bist Du?“ „Das Haus.“ „Warum stehst Du hier?“ „Keine Ahnung.“ „Was ist in Dir?“ „Raum“… Alle Spieler wurden in der Art vom Leiter ins Spiel gebracht. Bevor es begann, überlegte sich jeder und jede eine Geste zur Rolle. Durch Anschlagen der Klangschale wurde das Spiel eröffnet. Die Handlung entstand dann „wie von selbst“. Die Akteure kamen miteinander ins Gespräch und reagierten aufeinander. Es entwickelte sich eine sehr dynamische Geschichte, in die der Leiter gar nicht mehr eingriff.
Als Mit-Spielerin vergaß ich Raum und Zeit. Ich ging ganz in meiner Rolle auf und war mit meiner vollen Aufmerksamkeit auf das Geschehen konzentriert. Die Worte fielen mir ganz intuitiv ein und ich konnte sie klar und deutlich äußern. Ich war selbst überrascht, was da zum Vorschein kam.
Die Spielzeit schätze ich auf ca. 15 – 20 Minuten. Der Leiter beendete sie durch Anschlagen der Klangschale. Er bat uns, ganz bewusst wieder aus der Rolle herauszugehen und die Grenzlinie zu überschreiten.
Erst erzählten alle Schauspieler, dann einige Zuschauer kurz, wie sie das Drama erlebt hatten. Interessant für mich war vor allem die Sicht der Zuschauer, die einen besseren Gesamtüberblick über die Handlung hatten und auch intensiv bei der Sache waren.
Mich beeindruckte, wie wenig Steuerung von außen nötig war. In anderen Workshops ist mir aufgefallen, dass ich ein Eingreifen schnell als Manipulation oder Einschränkung erlebe und dann in einen Widerstand gehe. Der Leiter schaffte den Rahmen, gab einen Anfangsimpuls und hielt sich dann zurück. Er ließ das Drama passieren und hätte nur dann (wahrscheinlich durch offene Fragen) eingegriffen, wenn die Aktion oder Kommunikation ins Stocken geraten wäre. So waren der Verlauf und der Ausgang des Spiels völlig frei.
Zum Abschluss verabschiedeten sich die Teilnehmenden im Tanz zum Kanon von Johann Pachelbel in zwei gegenläufigen Kreisen mit ihrer Friedensgeste voneinander. Ein sehr schöner Ausklang…
Mein Fazit: Durch die Konzentration auf das Wesentliche, die klare Strukturierung des Ablaufs, die sensible und zurückhaltende Führung durch den Leiter und die Bereitschaft aller, sich auf das Abenteuer der „Grenzüberschreitung“ einzulassen wurde es möglich, in der kurzen Zeit wunderbare, spirituelle Erfahrungen zu machen. Ich sage herzlich Danke an alle, die das mit viel Herzblut vorbereitet und realisiert haben!

Bernadett Peters
Leiterin eines Montessori-Kinderhauses und Familienzentrums in Rüthen